Dieter Hoppe: Das Ensemble des Kasseler Klassizismus in Melsungen 

In der Fachwerkstadt Melsungen mit ihren Fachwerkhäusern, die bis ins 15. Jahrhundert zurückreichen, fällt in der Rotenburger Straße das Ensemble des Kasseler Klassizismus auf wie zwei weiße Raben. Beide Gebäude stehen nicht nur äußerlich mit ihrer Entwicklung in einem engen Zusammenhang. Sie wurden beide vom Baumeister Augener geplant und im gleichen Zeitraum errichtet. Beiden Häusern hatte, zum Teil zeitgleich, der Abriss gedroht. Die heutige Stadthalle wurde, wie eine Jahreszahl im Sockel des Gebäudes besagt, seit dem Jahre 1837 von der Abendgesellschaft errichtet. Das Gebäude wurde damals "Casino" benannt. Entsprechend den damaligen Umgangsformen stellte es sich als eine Mischung aus englischem Clubleben, preußischem Offizierskasino und bürgerlichem Melsunger Lokalkolorit (1) dar. Gemäß der ursprünglichen Bedeutung des Wortes Casino - geschlossene Gesellschaft, Gesellschaftshaus, Vereinshaus (2). - drückte der Name den gesellschaftlichen Anspruch, aber auch Abgrenzung gegenüber den breiteren Schichten aus (3).

Als geistige Vorlage soll das Rokokoschloss von Sanssouci in Potsdam gedient haben. Das Kasino sollte, wie Sanssouci im preußischen Potsdam, hier im kurhessischen Melsungen ein kulturelles und geistiges Zentrum darstellen. Ob das allerdings im Einzelnen so stimmt, konnte nicht eindeutig festgestellt werden. Von der gesellschaftlichen Entwicklung Melsungens her passt es aber. Dieses "Casino" diente architektonisch als Vorbild für die Melsunger Synagoge, die der Stadthalle schräg gegenüber an der Ecke zur Tränkelücke liegt. Dort befindet sich im Sockel des Hauses ein Grundstein, der die Jahreszahl 1841 trägt und als Vorsteher der Synagoge die Namen Stern und Apt nennt. Diese Jahreszahl 1841 gibt aber nicht das Jahr der Errichtung der Synagoge an. Nach den Akten der kurhessischen Bauaufsicht in Wiesbaden wurde das Gebäude bereits im Jahre 1839 fertig gestellt.

Frau Thea Altaras, die Altmeisterin für hessische Synagogen, verstarb im September 2004 an ihrem Schreibtisch kurz vor der endgültige Fertigstellung der Neubearbeitung ihres Buches "Synagogen in Hessen". Sie beschreibt das Gebäude folgendermaßen: "Massivbau (4), verputzt, Satteldach, Schiefereindeckung, giebelseitig zum Straßenzug. Rechteckiger Grundriss auf niedrigem Sockel. Zugang von der Strasse über breite Treppe, getrennte Eingangstüren für Frauen und Männer, Vorraum mit Treppenaufgang, Synagoge mit Empore. Auf der Nord-Traufseite Seiteneingang, links davon die Elementarschule. Auf der gegenüberliegenden Traufseite Vorbau des Treppenhauses."
Frau Astaras beschreibt die ehemalige Synagoge weiter: "Eine mit klassizistischen Stilelementen erbaute Synagoge mit Schule, die äußerlich dem in unmittelbarer Nachbarschaft gelegenen Kasino (ist die heutige Stadthalle) verblüffend ähnlich ist. Das Kasino von Melsungen, 1837 - 1838 im Kasseler Klassizismus erbaut, war seinerzeit Vorbild für Schönheit und richtige Stilauswahl. Der rechteckige, in die Länge gestreckte Baukörper der Synagoge wird von einer höchst regelmäßigen Fensterreihe begleitet, die im Untergeschoss rechteckige, im Obergeschoss Rundbogenfenster hat. So entsteht auf beiden Traufseiten eine vertikale Bindung der Öffnungen mit gleichmäßigem Fensterrhythmus, unterbrochen durch die Seitentüren auf einer und dem Treppenvorbau auf der anderen Traufseite. Der Schaugiebel hat zwar keine Dreiecksform, jedoch die gleiche Halbkreisöffnung wie das Kasino. Die zwei Rundbogenfenster über den zwei Eingängen tragen zu der ruhigen, statischen Ausstrahlung des Gebäudes, die dem Klassizismus eigen ist, bei."
Die Lage der Synagoge, in bevorzugter Lage im damaligen Neubaugebiet der Rotenburger Straße direkt vor dem Rotenburger Tor und gegenüber dem geistigen Zentrum Melsungens, ist sehr aufschlussreich. Die Integration der jüdischen Bürger in die Bürgerschaft hat große Fortschritte gemacht. Sie müssen sich mit ihrer Synagoge nicht mehr in Seitenstraßen oder Hinterhöfen verstecken. Mit diesem Gebäude demonstrieren sie, sie betrachten sich als Mitglieder der deutschen geistigen und kulturellen Entwicklung. Für die Akzeptanz in Melsungen sprechen weitere Quellen. Mit dem Nationalsozialismus droht beiden Gebäuden der Abriss. Die erhaltenen Dokumente über den Zwangsverkauf der Synagoge erlauben einen Blick auf das verworrene Ränkespiel der damaligen Zeit. Der damalige Bürgermeister Dr. Otto Schmidt (er gehörte vor 1933 der DDP an) wollte im Vertrag vom 23. Januar 1939 der Synagogengemeinde die Synagoge zusammen mit einem Acker für 10.000 RM (9.000 RM für die Synagoge und 1.000 RM für den Acker) abkaufen. Die Synagogengemeinde sollte außerdem jährlich die Zinsen aus dem Kaufpreis sowie 1.000 RM für Mitglieder der Gemeinde erhalten. Am 30. Januar wird der Einheitswert des Gebäudes mit 12.400 RM beziffert. Am 22. Juni 1939 wird durch den Regierungspräsidenten in Kassel der Kaufpreis auf 5.000 RM (4.000 für die Synagoge und 1.000 RM für den Acker) ohne weitere jährliche Zahlungen herabgesetzt. Die Synagoge wird auf 7.300 RM geschätzt. Der Bürgermeister möchte die Synagoge für handwerkliche Zwecke haben. Der Landrat will die Synagoge abreißen. Auf dem heutigen Parkplatz soll ein Parteihaus für 1000 Personen entstehen, um die Erfolge des 1000jährigen Reiches zu feiern. Zu diesem Zweck soll auch das Kasino, das schon seit 1935 in der Hand der Partei war, abgerissen werden. Der Anblick der ehemaligen Synagoge galt als untragbar. Der Abbruch sollte der erste Schritt sein, um einen Durchblick zur Fulda zu schaffen. Dafür hätten weitere Häuser weichen müssen. Am 7. November 1939 beschwert sich die israelitische Kultusgemeinde. Am 6. August wird Bürgermeister Otto vom Regierungspräsidenten praktisch abgekanzelt, weil er im Vertrag vom 23. Januar 1939 einen so hohen Betrag zahlen wollte. Am 24. Januar 1941 wird der Kaufpreis endgültig auf 6.500 RM festgesetzt. Nach J. Schmidt verkaufte die Stadt noch 1941 die ehemalige Synagoge für 11.500 RM an die Handwerkerschaft. Der Stadthalle drohte 1969 ff. erneut der Abriss zugunsten der Errichtung eines Bürgerhauses. In der Bürgerschaft wurde unter der Hand sogar der "warme Abbruch" empfohlen. Hier durchkreuzte Gott sei Dank der Landeskonservator alle Abbruchpläne.
Die Synagoge in Röhrenfurth
Den wenigsten Bürgern Melsungens dürfte bekannt sein, dass es im heutigen Stadtgebiet eine weitere Synagoge gibt. Sie gehörte der ehemaligen Röhrenfurther jüdischen Gemeinde. Sie trug die Nummer "Mühlenstraße 10" heute "Zum Breitenbach 2". Sie wurde schon 1921 zu einem Wohnhaus umgebaut. Die Röhrenfurther jüdische Gemeinde war zu klein geworden um eine eigene Synagoge erhalten zu können. 1939 war sie zu einem Judenhaus geworden, d.h. alle noch in Röhrenfurth lebenden Juden waren dort untergebracht. Um den Verkauf dieses Gebäudes gab es auf amtlicher Ebene wütende Auseinandersetzungen, die z. T. in der Form von Pamphleten erfolgte. Aus heutiger Sicht besonders makaber klingt die Anlage eines Schreibens des Landrates an den Bürgermeister von Röhrenfurth vom 26. November 1942, in dem angefragt wird, ob den Juden noch genügend Mittel zur Auswanderung blieben. Die gesamte jüdische Bevölkerung Röhrenfurths wurde aber schon 8 1/2 Monate früher, am 8.12.1941, "evakuiert", wie es amtlich hieß. Autor: Dieter Hoppe - Redaktion: Kurt Maurer Fußnoten: (1) Hans-Peter Klein - unveröffentlichtes Manuskript: "Veränderungen der Wohn- und Lebensqualität einer Straße am Rande des Zentrums einer hessischen Kleinstadt - Die Rotenburger Straße in Melsungen" (2) Heyses Fremdwörterbuch - 19. Auflage 1910 (3) Jürgen Schmidt: "Melsungen - Die Geschichte einer Stadt" (4) Vermutlich handelt es sich nicht um einen Massivbau. Es ist mit größter Wahrscheinlichkeit konstruktiv eine Fachwerkbau, wobei das Fachwerk, dem Klassizismus entsprechend, nie als Sichtfachwerk konzipiert war und schon immer verputzt war. Das Vorbild "Casino" ist, wie beim Bau der Stadthalle sichtbar wurde, so gebaut.