Oberst Bedriaga fiel, von zwei Schüssen zur gleichen Zeit getroffen, tot vom Pferde
Die 1812 nach Moskau ausgezogene Armee Napoleons stand im September 1813 erheblich dezimiert in Sachsen. Die preußisch-russischen Verbündeten entsandten Streifkorps, die im Rücken der französischen Armee operieren sollten. Streifkorps waren Truppenteile aus leichter Kavallerie und leichter Infanterie, die schnell beweglich und lokal begrenzt Verbindungen und Einrichtungen angreifen sollten. So unterbrach das Korps Marwitz in der Gegend zwischen Magdeburg und Minden die französischen Verbindungen völlig.

Zur gleichen Zeit unternahm das Korps des General Tschernischeffs einen Angriff auf Kassel. Tschernischeff war bei Breitenhagen über die Elbe gegangen und zog gegen Kassel, weil er gehört hatte, dass die Unterdrückung durch die Franzosen dort besonders hart war. Er brach am 24.09.1813 in Bernburg auf. Der Marsch ging über Eisleben, Roßla, Sondershausen nach Mühlhausen (26.09.), von da über Eschwege in einem durch nach Kassel, wo die Truppen – überwiegend Kosaken - am 28.09. morgens auf dem Forst zwischen Bettenhausen und Waldau eintrafen.

Die Stadt wurde umzingelt, um jede Flucht zu unterbinden. Im Laufe des Vormittags wurde bekannt, dass Jérôme Napoleon in der Nacht aus der Stadt geflüchtet war.

Die russischen Truppen drangen durch das Leipziger Tor in die untere Neustadt vor. Eine andere Abteilung von einigen hundert Kosaken unter Oberst Benkendorf war durch das Frankfurter Tor eingedrungen und hatte eine Schwadron französischer Reiter gefangen genommen und drei Schwadronen vernichtet. Als starke Fußtruppen mit Kanonen heranzogen, vereinigten sich Benkendorfs Truppen wieder mit dem Hauptkorps auf der anderen Seite der Fulda. Benkendorf wurde von französischen Gardetruppen verfolgt. Auch die durch das Leipziger Tor Eingedrungenen mussten sich wieder zurückziehen. Ihnen folgte Infanterie mit sieben Kanonen, die sich bei Bettenhausen aufstellten.

„Hier griffen die Abteilung Kosaken und die Isumschen Husaren, unter ihrem Obersten Bedriaga, einem Offizier von seltener Unerschrockenheit, dasselbe mit solchem Ungestüm an, daß es alsogleich gesprengt und alles Geschütz erobert wurde.“

Bedriaga wurde bei diesem Angriff tödlich verwundet – von zwei Kugeln getroffen fiel er vom Pferd.

Kurze Zeit später erhielt Tschernischeff die Nachricht, dass sich General Bastineller mit seiner westphälischen Reiterei näherte. Tschernischeff ließ die Kämpfe einstellen und zog Bastineller, der sich bei Rotenburg befand, entgegen. Den Leichnam Bedriagas nahm er mit.

Am Morgen des 29.09. traf dieses Korps von drei- bis viertausend Mann in Melsungen ein. Die Kosaken lagerten vor dem Kasseler Tor und im Tal Richtung Kirchhof. Die Verpflegung so vieler Menschen und die Bereitstellung von Pferdefutter überstieg die Kapazitäten der Stadtbewohner, so dass die benachbarten Dörfer zur Lieferung von Heu und Hafer herangezogen wurden.

„Was gleißte und glänzte, mußte man vor den „Befreiern“ in acht nehmen. Zu größeren Unordnungen kam es nicht. Ebensowenig betrugen die Bürger sich widerspenstig.“

Oberst Bedriaga wurde im Riederschen Gasthaus am Markt aufgebahrt und am Nachmittag von dort auf dem Friedhof feierlich beerdigt. Das auf seinem Grab von preußischen Offizieren errichtete Denkmal trägt die Inschrift: „Hier ruht der kais. russische Obrist des Isumschen Husarenregiments Ritter Jeg. Iw. Bedriaga. An der Spitze seines Regiments fand der Tapfere am 28. September 1813 in dem Gefechte bei Kassel siegreich den Heldentod.“

Tschernischeff wollte an diesem Tag noch das westphälische Korps General Bastinellers angreifen, Kundschafter brachten aber die Meldung, dass es sich durch Fahnenflucht selbst aufgelöst hatte und der General nach Kassel geflohen war. 300 Gefangene und Überläufer schlossen sich Tschernischeff sofort an, 1200 kamen später noch hinzu.

Mit nun dreizehn Kanonen zog der russische General am Vormittag des 30.09. wieder auf Kassel zu und begann am gleichen Nachmittag mit der Beschießung der Stadt. Oberst Benkendorf eroberte während des Beschusses das Leipziger Tor und in dem anschließenden Gefecht liefen weitere Westphalen über.

Nach zwei Stunden war der Stadtkommandant General Alix bereit zur Kapitulation. Die Bevölkerung Kassels hatte diesen Vorgang beschleunigt – sie war zahlreich auf den Straßen der westphälischen Hauptstadt und ließ den Zaren Kaiser Alexander und den Kurprinzen hochleben. Unter Begleitung von Kosaken konnten die französischen und westphälischen Soldaten mit Waffen und Gepäck die Stadt verlassen.

Am folgenden Tag verkündete Tschernischeff den Bewohnern des Königreichs Westphalen, dass die französische Regierung aufgelöst sei. Am 03.10.1813 verließ der russische General mit seinen Truppen die Stadt wieder, um sich Marwitz im Raum Braunschweig anzuschließen. „Czernitscheff fand in Kassel viele Waffen: 32 Kanonen, welche sammt den eroberten 9 41 betrugen, vieles Pulver, Munizion, Kleidung für die Soldaten; er leerte die Arsenäle, Magazine und Kassen, nahm das Archiv der geheimen Polizei und hatte 650 Gefangene.“

Die Franzosen und Jérôme kehrten zurück, um nach der Kunde vom Ausgang der Schlacht bei Leipzig (16. bis 19.10.) die Stadt endgültig zu verlassen.



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Grundkarte: Stadt Kassel, Vermessung und Geoinformation, 1000 Jahre Stadt-geschichte in Karten, Plänen, Stadtansichten, Bildern und Fotos, Ausgabe Okt. 2005